Eine anatomische, physiologische, biomechanische und neurobiologische Betrachtung menschlicher Gewaltbewegung
1. Die biologische Ausgangslage: Der Mensch ist kein variables Baukastensystem
Der menschliche Körper ist kein kulturelles Produkt, sondern das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Er folgt festen biologischen Gesetzmäßigkeiten – unabhängig von Herkunft, Epoche oder Trainingssystem. Alle gesunden Menschen besitzen:
- die gleichen Knochen in identischer Anordnung
- die gleichen Muskeln mit gleichen Ursprüngen und Ansätzen
- die gleichen Gelenke mit den gleichen Freiheitsgraden
- das gleiche Nervensystem mit identischen Steuerungsprinzipien
Ein Bizeps liegt bei jedem Menschen an exakt derselben Stelle und erfüllt dieselbe Funktion. Niemand kann seinen Unterarm anders beugen, drehen oder strecken als die restlichen acht Milliarden Menschen. Ebenso drehen alle Menschen ihren Kopf gleich, kauen gleich und gehen nach denselben biomechanischen Mustern. Diese Tatsache ist banal und gleichzeitig von enormer Tragweite.
Wenn alle Menschen gleich gebaut sind, dann können sie sich auch nur auf eine einzige biomechanisch sinnvolle Weise effizient bewegen. Die Möglichkeiten einen Angriff sinnvoll abzuwehren sind deshalb eng begrenzt.
2. Bewegung entsteht nicht im Muskel, sondern im Nervensystem
Muskeln erzeugen keine Bewegung aus sich heraus. Bewegung wird vollständig vom Nervensystem organisiert. Dabei gelten universelle neurophysiologische Prinzipien:
- maximale Effizienz bei minimalem Energieverbrauch
- Stabilität vor Mobilität
- Kraftübertragung von proximal (Rumpf) nach distal (Extremitäten)
- Nutzung elastischer Strukturen statt isolierter Muskelarbeit
- reflexbasierte Synergien statt bewusster Einzelsteuerung
Diese Prinzipien steuern jede menschliche Bewegung – Gehen, Laufen, Greifen, Werfen, Kauen – und zwangsläufig auch Schlagen und Abwehren. Ein Fauststoß ist biomechanisch nichts anderes als eine Impulsübertragung aus dem Körperschwerpunkt von den Füßen über den Rumpf in den Arm. Dafür existiert keine zweite, alternative Version.
3. Der Fauststoß: universell, zwangsläufig, unveränderlich
Ein effizienter Fauststoß sieht bei allen Menschen gleich aus, weil:
- Schulter, Ellbogen und Hand nur bestimmte Bewegungsachsen zulassen
- Kraft ausschließlich über Bodenreaktionskräfte entsteht
- Rotation zwingend über den Rumpf erfolgen muss
- das Nervensystem bei hoher Geschwindigkeit keine isolierten Muskelaktionen erlaubt
Deshalb schlagen Kinder, Erwachsene, Untrainierte, Boxer oder Straßenkämpfer biomechanisch identisch, sobald es spontan, ungeplant und real wird. Unter Stress verschwinden komplizierte Techniken sofort. Ein Mensch kann seinen Arm nicht anders strecken, um zu schlagen – egal welchen Stil er gelernt hat.
4. Zwingende Konsequenz: Auch die Abwehr kann nur eine einzige sein
Wenn Angriffe immer gleich entstehen, muss die Abwehr ebenfalls gleich aussehen. Es ist biomechanisch unmöglich, dass:
- hundert verschiedene Angriffsmechaniken existieren
- und ebenso viele völlig unterschiedliche Abwehrformen gleichermaßen funktionieren
Beim Hürdenlauf springen alle Menschen gleich über die Hürde – nicht aus Tradition, sondern weil Anatomie und Physik keine Alternative zulassen. Dasselbe gilt für Selbstverteidigung.
5. Warum es trotzdem hunderte Stile gibt
Die Existenz zahlreicher Kampfsysteme erklärt sich nicht aus biologischer Realität, sondern aus geschlossenen Trainingsrealitäten. Typisch sind:
- künstliche, stiltypische Angriffe
- festgelegte Distanzen, Tempi und Abläufe
- komplizierte Abwehrbewegungen, die nur gegen genau diesen Angriff passen
- Bewegungen, die außerhalb des Trainings niemals spontan entstehen
Ein Angriff, der nur im Dojo existiert, erlaubt eine ebenso künstliche Abwehr. Das ist keine Funktionalität – sondern interne Konsistenz eines Systems.
6. Biomechanischer Unsinn: Tiefe Stände, erfundene Schrittarbeit, Techniken
Viele Systeme verlangen:
- unnatürlich tiefe Stände
- komplexe Schrittfolgen
- isolierte Armbewegungen ohne Rumpfanbindung
Biomechanisch führt das zu:
- verlangsamter Bewegung
- reduzierter Kraftübertragung
- hoher neuronaler Belastung
- Verlust reflexiver Steuerung
Je weiter sich Bewegung von natürlicher menschlicher Fortbewegung entfernt, desto weniger Leistung kann das Nervensystem abrufen. In Wirklichkeit bedeutet das:
Der Mensch wird motorisch zurückentwickelt – anstatt vorwärts trainiert.
7. Neurophysiologische Realität: Flucht oder Angriff
In akuten Bedrohungssituationen kennt das menschliche Nervensystem keine taktischen Optionen. Es existieren ausschließlich zwei evolutionär verankerte Programme:
Flucht oder Angriff.
Beide sind im Stammhirn und limbischen System gespeichert. In dem Moment, in dem echte Gewalt droht, wird der präfrontale Cortex – das Denk- und Analysezentrum – funktionell abgeschaltet. Planung, Technikabruf, bewusste Schutzkonzepte sind biologisch nicht mehr verfügbar. Flucht bedeutet immer: maximale Geschwindigkeit in Vorwärtsbewegung – kompromissloses Laufen. Angriff bedeutet ebenso kompromisslos: maximale Vorwärtsbewegung bei ununterbrochener Schlagfrequenz. Angriff ist kein einzelner Schlag, sondern ein fortgesetzter Impuls nach vorne – Schlagen und Laufen sind dabei untrennbar gekoppelt.
Konzepte wie tiefe Stände, rhythmisches Herumhüpfen, Deckung während des Schlagens oder kontrollierte Positionswechsel sind versportlichte Erfindungen der Neuzeit. Sie entspringen Regelwerken, Fairnessgedanken und Trainingslogik – nicht der menschlichen Evolutionsbiologie. Unter realem Stress sind sie nicht nur ineffektiv, sondern schlicht nicht abrufbar. Der Mensch wird dann vollständig hormonell, vegetativ und neuronal von innen gesteuert – und bewegt sich ausschließlich gemäß seiner Anatomie und Physiologie.
8. Das evolutionäre Fazit
- Alle Menschen sind gleich gebaut
- Alle Menschen werden nach denselben neurophysiologischen Prinzipien gesteuert
- Angriffe entstehen zwangsläufig gleich
- Abwehr kann nur zwangsläufig gleich sein
Daher kann es nur eine einzige funktionale Selbstverteidigung geben.
- Nicht als Stil.
- Nicht als Technikensammlung.
- Sondern als konsequente Nutzung der menschlichen Biologie.
Alles andere ist:
- kulturelle Erfindung
- Trainingsillusion
- oder Marketing.
9. Schlussgedanke
Echte Selbstverteidigung ist kein Kunstprodukt. Sie ist eine biologische Realität. Der Mensch muss nichts Neues lernen, um sich zu verteidigen. Er muss nur aufhören, sich gegen seine eigene Anatomie und Physiologie zu bewegen. Mehr zu Senmotic Functional Defence findest du hier.
Autor
Frank W. Demann
Faszientherapeut seit 1995
Selbstverteidigungs-Experte seit 1990
Entwickler der Senmotic Faszientherapie & Selbstverteidigung
www.senmotic.org
