Warum Tiere keine Gymnastik brauchen – und Menschen trotzdem zum Stretching gehen

Die morgendlichen Chi-Kung-Kühe

Gestern lief ich an einer saftigen Weide vorbei, auf der viele Kühe in der Morgenfrische ihre Chi-Kung-Übungen absolvierten. Der Bulle führte die Übungen vor, während die Kühe sich mit entrücktem Gesichtsausdruck in ihr Euter versenkten.  

Ein Stück weiter, hoch oben auf einer Überlandleitung, traf sich eine ganze Reihe Krähen und übte nach dem Brummen und Summen der Hochspannungsleitung Aerobic. Ein Stück abseits, in einem größeren Tümpel, stand ein Storch meditativ bewegungslos auf einem Bein und trainierte chinesisches Fünf-Tiere-Kung-Fu. Das gibt es alles gar nicht, sagst du? Ja, ja – dort nicht. Bei einigen anderen, sich für besonders schlau und überlegen haltenden Tieren schon.

 

Tiere trainieren nicht – sie bewegen sich einfach richtig

Kein Tier auf dieser Welt betreibt ausgiebige Gymnastik oder gar Sport. Denn alle Tiere gebrauchen sich so, wie es die Natur für sie vorgesehen hat, und machen von allen ihnen gegebenen Bewegungsmöglichkeiten ausgiebig Gebrauch. Das ist das einzige echte Training, um ein Leben lang in Hochform zu bleiben. Von einem gelegentlichen Strecken, Räkeln, Gähnen und Sich-lang-Machen bei höheren Säugetieren einmal abgesehen.

 

Du wirst keine Katze finden, die morgens erst einmal zwanzig Minuten ihre hintere Muskelkette dehnt, bevor sie elegant über den Gartenzaun springt. Kein Reh absolviert einen zertifizierten Faszienkurs. Kein Wolf steht im Wald auf einer Matte und zieht mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Oberschenkelrückseite lang, weil irgendein Bewegungspriester behauptet hat, verkürzte Muskeln seien die Ursache allen Übels. Im Gegenteil. Tiere bewegen sich einfach. Den ganzen Tag. Natürlich. Vollständig. Spontan.

 

Wann hast du zuletzt spontan einen Purzelbaum gemacht?

Denk nur an eine Katze. Ob die Katze eins, drei, fünf oder acht Jahre alt ist, spielt keine Rolle. Wenn es ihr in den Sinn kommt, wird sie sich im Sommer ganz spontan im Gras wälzen. Wann dagegen hast du das letzte Mal spontan einen Purzelbaum geschlagen? Kannst du überhaupt noch einen Purzelbaum? Wenn du jetzt um die 40 Jahre oder älter bist: Wann bist du das letzte Mal aus dem Stegreif über ein Geländer geflankt? Wie oft gehst du am Tag ganz spontan in die Hocke? Wie oft lachst du am Tag und verlängerst dabei deinen Bauch? Für die Erhaltung der Funktionen unseres Körpers ist es von enormer Wichtigkeit, alle uns zur Verfügung stehenden Bewegungsmöglichkeiten ausgiebig zu gebrauchen. Genauso wichtig ist es, Bewegungen spontan und ohne Anweisung eines Vorturners auszuführen.

 

Der moderne Mensch und sein Bewegungsgefängnis

Was dagegen tun die Menschen, die meinen, etwas für sich zu tun? Sie gehen in einen Kurs für Yoga, Tae Bo, Tai Chi, Aerobic, Fitness, Stretching oder was gerade sonst auf dem Markt aktuell ist. Dort bewegen sie sich zwei Stunden nach Vorschrift und gönnen dem Körper etwas Auslauf. Anschließend wird er gebadet und gepudert und für mehrere Tage wieder weggesperrt. Da möchte man kein Körper sein.

 

Und besonders beliebt ist inzwischen das feierliche Herumziehen an Muskeln und Sehnen. Da sitzt man dann geschniegelt auf einer Matte und zieht an seinem Bein, bis das Gesicht aussieht wie ein Pflaumenkompott kurz vor der Explosion. Und wehe, es tut nicht weh – dann wirkt es wahrscheinlich nicht. Dabei haben sogar Untersuchungen gezeigt, dass langes statisches Dehnen die Kraftentfaltung kurzfristig verschlechtern kann. Mit anderen Worten: Manche machen sich vor Bewegung erst einmal sorgfältig schwächer. Auf die Idee muss man als Spezies auch erst einmal kommen.

 

Zwei Stunden Training gegen 5000 Stunden Sitzen

Was sollen denn zwei Stunden Übungen an hochgegriffenen drei Tagen in der Woche bringen, wo doch die Woche 112 Stunden hat? Acht Stunden Schlaf pro Tag sind dabei bereits abgezogen. Was sollen 24 Stunden Training im Monat denn bewirken, wo doch der Monat – abzüglich der Schlafphase – 448 Wachstunden hat? Auf das Jahr stehen den 288 Stunden Übungen 5376 Stunden Nichts- oder Falschtun gegenüber. Das Verhältnis auf zehn Jahre hochgerechnet: 2880 zu 53.760. Noch dazu ist eine Übung oder ein Training vertane Zeit, sofern du dabei nichts gelernt hast. Zum Beispiel könntest du lernen, dass die Schule sehr wichtig ist. Denn mit der obigen Mathematik solltest du dein Treiben kritisch hinterfragen können.

 

Wirkliche Fitness entsteht im Alltag

Wir halten in unserer Disziplin das Gegenteil für richtig und teilen die Auffassung der mindestens zehn Millionen anderen Arten, die den Planeten mit uns teilen: Man bewegt sich den ganzen Tag physiologisch und anatomisch richtig. Man steht, geht und sitzt richtig. Man atmet richtig, hebt seinen Arm richtig und wendet seinen Kopf richtig. So hat man den ganzen Tag echtes Training. So ist und bleibt man bis ins hohe Alter topfit und beweglich.