Einleitung: Realitätscheck für klassische Selbstverteidigungssysteme - die Realität der Gewalt
Selbstverteidigung beginnt nicht bei Griffen, Tritten oder Techniken – sie beginnt mit einem realistischen Verständnis dafür, wie Gewalt tatsächlich abläuft. Gewalt ist schnell, chaotisch, unberechenbar und in der Regel asymmetrisch. Der Angreifer bestimmt Zeitpunkt, Ort, Ablauf und das Überraschungsmoment. Ein Großteil der gängigen Selbstverteidigungsstile basiert auf Annahmen, die neurophysiologisch nicht haltbar sind.
Viele Methoden, wie Boxen, MMA, Krav Maga, Karate oder Jiu Jitsu überschätzen die menschliche visuelle Reaktionsfähigkeit deutlich und ignorieren fundamentale Erkenntnisse aus Biomechanik, Neurophysiologie und Faszienforschung. Im Senmotic-Ansatz wird dagegen seit Jahren ein wissenschaftlich orientierter Weg verfolgt – nicht zuletzt aufgrund der engen Verbindung zur Senmotic Faszientherapie, die kontinuierliche Forschung voraussetzt.
1. Neuromechanik des Fauststoßes
1.1 Empirische Messungen der Schlaggeschwindigkeit
In einer vielzitierten sportwissenschaftlichen Untersuchung wurde die Schlaggeschwindigkeit der Profiboxerin Susi Kentikian mittels Elektromyografie, sechs Hochleistungskameras und einer Hochfrequenzkamera (1.000 fps) analysiert. Die Resultate zeigten eine durchschnittliche Ausführungsgeschwindigkeit eines Fauststoßes von 0,15 Sekunden – in absoluter Nahdistanz sogar darunter. Damit gehört der Fauststoß zu den schnellsten Bewegungsabläufen des menschlichen Körpers.
2. Limitationen der visuellen Reizverarbeitung
2.1 Mindestverarbeitungszeit des visuellen Systems
Die Verarbeitung eines visuellen Reizes – also das Erkennen einer Bewegung, die Weiterleitung zum Gehirn, die kognitive Bewertung und die motorische Reaktion – benötigt mindestens 0,2 Sekunden. Dieser Grenzwert ist biologisch vorgegeben und kann nicht unterboten werden. Ein maßgeblicher limitierender Faktor ist die Nervenreizleitgeschwindigkeit, die beim Menschen physiologisch festgelegt ist.
2.2 Wissenschaftliche Untersuchungen an Gamern
Zahlreiche Untersuchungen und Studien zum Thema wurden an Gamern gewonnen, die vor dem PC nur einen Fingern bewegen müssen. Komplexe Entscheidungen und vollständige körperliche Interaktionen blieben außen vor. Ebenso fehlen bei diesen sterilen Studien die Emotionen, die auf der Straße vorherrschen mit meßbaren körperlichen Reaktionen in Vorbereitung des Überlebenskampfes: Ausschüttung von Hormonen (adrenocorticotropes Hormon, Cortisol und Adrenalin), Beschleunigung von Herzfrequenz, Puls und Atemfrequenz, Zunahme des Blutdrucks und von Fett und Zucker im Blut, Erhöhung der Blutgerinnungsfaktoren, Pupillenerweiterung und Senkung des Hautwiderstands,
2.3 Entscheidungsprozesse verlängern die Reaktionszeit
Sobald mehrere Wahlmöglichkeiten vorliegen (z. B. welcher Arm schlägt, welcher Winkel, welche Höhe, ob kurvig oder gerade), verlängert sich die Reaktionszeit massiv.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass komplexe motorische Entscheidungen mindestens 0,6 Sekunden benötigen, oft sogar deutlich
mehr – Täuschungsmanöver nicht mitgerechnet.
Damit ist klar:
Visuelle Reaktionen sind langsamer als schnelle Angriffe.
3. Warum 99 % aller Selbstverteidigungssysteme scheitern
Viele traditionelle und moderne Selbstverteidigungssysteme basieren auf visueller Reaktion. Doch ein Angriff braucht 0,15 Sekunden, eine visuelle Reaktion 0,2–0,6 Sekunden und länger. Das bedeutet:
- Der Angriff ist immer schneller als die Reaktion.
- Hinzu kommt, dass im Training meist nur vorgegebene Abläufe geübt werden
- Der Trainer weiß genau, welcher Angriff kommt - weil er den Angriff dem Schüler vorgibt
- Es werden künstliche, starre Regeln genutzt (z. B. keine Tiefschläge, bestimmte Distanzen, bestimmte Technikformen).
- Die Abläufe sind unrealistisch und vorhersehbar
- Emotionen und intensives Schmerzerlebnis fehlen
So entsteht ein Schein von Funktion im System, der in echten Konflikten nicht besteht.
4. Schnellere Sinneskanäle: Sensomotorik als Schlüssel
4.1 Hörsinn
Der Hörsinn reagiert mit ca. 0,1 Sekunden am schnellsten, spielt jedoch im Straßenkampf kaum eine Rolle – kein Angreifer kündigt seinen Schlag mit „Jetzt!“ an.
4.2 Sensomotorischer Sinn (Tastsinn und Druckreize)
Der sensomotorische Sinn verarbeitet taktile Reize in etwa 0,13 Sekunden. Damit ist die Reaktion über Berührung schneller als der Angriff selbst.
Vorteile:
- Kontakt bremst die Bewegung des Angreifers ab
- Druck- und Zugreize werden extrem schnell geleitet
- Reaktionen laufen als Reflexketten über das Rückenmark
- Der Gegner erhält keine Chance, einen Schlag völlig ungebremst zu entfalten
Das Senmotic-System nutzt deshalb taktilen Kontakt und eine spezielle, in Zeitlupe ausgeführte Methode, um diese Reflexe im gesamten Körper sauber zu trainieren.
5. Faszien als Voraussetzung für funktionelle Sensomotorik
Faszien verfügen über bis zu siebenmal mehr Rezeptoren als die Muskulatur, darunter:
- Propriozeptoren (Bewegungs- und Lagesinn)
- Mechanorezeptoren (Druck-, Zug- und Schwingungsreize)
Ein elastisches, spannungsfreies Fasziennetz ist daher eine Grundvoraussetzung dafür, dass Reflexe optimal ablaufen können. Haltungsprobleme wie Rundrücken oder Beckenschiefstände zeigen eine reduzierte fasziale Elastizität und schränken die Beweglichkeit und Reflexfähigkeit stark ein.
Darum gilt im Senmotic-System:
Vor effektiver Selbstverteidigung steht die fasziale Grundregeneration. Deshalb kombiniert die Senmotic-Ausbildung Faszientherapie und Selbstverteidigung als zusammenhängende Disziplinen.
6. Reflex versus Reaktion: Neurophysiologische Grundlagen
6.1 Reaktion über das visuelle System
Eine über die Augen ausgelöste Antwort ist eine Reaktion:
- Wahrnehmung über die Netzhaut
- Weiterleitung über den Sehnerv
- Verarbeitung im Gehirn
- Motorischer Befehl zum Muskel
Dies dauert 0,2–0,6 Sekunden oder noch länger bei komplexen Bewegungen und ist damit zu langsam für schnelle Angriffe.
6.2 Reflexe über taktile Rezeptoren
Ein Reflex läuft über einen kürzeren, schnelleren Weg:
- Rezeptor (Haut, Faszien, Muskelspindeln)
- Direkte Verschaltung im Rückenmark
- Aktivierung des Muskels ohne Verzögerung
- Das Großhirn wird erst später informiert.
6.3 Angeborene Reflexe und ihre Trainierbarkeit
Reflexe sind genetisch festgelegt. Wir können:
- ❌ keine neuen Reflexe erlernen - Gene müssten in Jahrmillionen geändert werden
- ✔️ vorhandene Reflexe trainieren - durch Zeitlupen-Training mit Kontakt
- ✔️ vorhandene Reflexe entstören - mit Faszientherapie
- ✔️ Reflexketten im ganzen Körper freilegen und verbessern
Das ist die Basis des Senmotic-Systems.
7. Kraftentfaltung und Geschwindigkeitsreduktion bei taktilen Reizen
7.1 Wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Tischtennis
- Untersuchungen zeigen, dass der Tischtennisball beim Aufprall auf die Platte durch Reibung bis zu 50 % seiner Geschwindigkeit verliert.
- Nur durch diese Abbremsung kann das visuelle System schnell genug reagieren.
- Würde der Ball seine volle Geschwindigkeit behalten, wäre Tischtennis für den Menschen visuell nicht spielbar.
7.2 Übertragung auf das sensomotorische System
- Beim Kontakt zwischen Angreifer und Verteidiger passiert etwas Ähnliches wie beim Tischtennisball:
- Der Angriff verliert durch den Berührungsreiz einen Teil seiner kinetischen Energie
- Der Kontakt bremst die Bewegung des Angreifers mechanisch ab
- Die Angriffsgeschwindigkeit sinkt
- Gleichzeitig wird der Reiz extrem schnell über das sensomotorische System verarbeitet
Damit ist ausgeschlossen, dass ein Angreifer bei taktilem Kontakt dieselbe ungebremste Kraft entfalten kann wie beim reinen visuellen Reagieren, bei dem seine Faust ihren gesamten Bewegungsweg frei und ungehindert zurücklegt und maximal beschleunigt das Ziel trifft.
Taktile Reize bieten also drei große Vorteile:
- Sie reduzieren die Reaktionszeit durch eine schnellere Verarbeitungsgeschwindigkeit
- Sie reduzieren die Angriffskraft über mechanische Reibung
- Sie sind bereits in uns angelegt - Zeitersparnis und schnelle Fortschritte im Training
Die Senmotic Selbstverteidigung funktioniert nach diesen Prinzipien - jetzt entdecken.
Autor
Frank W. Demann
Faszientherapeut seit 1995
Selbstverteidigungs-Experte seit 1990
Entwickler der Senmotic Faszientherapie & Selbstverteidigung
www.senmotic.org
